Beim Prüfinstitut für Fenster und Türen – Die Kaputtmache vom Dienst

Doch, die gibt’s: Leute, die von Berufs wegen Türen aufbrechen und Fenster zertrümmern. Und was hat der Verbraucher davon? Natürlich trifft man immer wieder Zeitgenossen, die liebend gern mit der Tür ins Haus fallen. Häufig stimmt dann mit deren Umgangsformen etwas nicht, während das Türblatt, die Zarge und die Beschläge keinerlei Anlaß zur Klage geben.
Aber es kommt auch vor, daß buchstäblich eine Tür ins Haus oder ein Fenster aus dem Rahmen fällt. Dann stimmt mit Konstruktion, Fertigung oder Montage etwas nicht. Das kann für den Leidtragenden ganz schön ärgerlich, teuer und sogar gefährlich sein. Damit es nicht soweit kommt, haben viele kluge Köpfe, ganze Generationen von Technikern und Ingenieuren, getüftelt und konstruiert, für jedes Problem, jedes erdenkliche Detail eine Lösung erdacht und als Norm oder Richtlinie zu Papier gebracht. Solange sich die Hersteller von Fenstern und Türen an all diese Vorschriften und Empfehlungen halten, kann eigentlich nichts schiefgehen. Aber tun sie es wirklich? Kann sich der Kunde darauf verlassen, daß die vertrauenstiftenden Gütesiegel ihm nicht nur werbewirksam ins Auge springen, sondern auch berechtigt sind? Daß eine feuerhemmende Tür nicht bei erster Gelegenheit in Flammen aufgeht, ein angeblich einbruchhemmendes Fenster den schweren Jungs tatsächlich widersteht?
Die knapp siebzig Mitarbeiter des Instituts für Fenstertechnik (i.f.t.) in Rosenheim stellen sich jeden Tag solche Fragen und geben die passenden Antworten. Wenn es sein muß, mit roher Gewalt. Meistens muß es sein. Dann geraten einige von ihnen, die privat einen wohlerzogenen Eindruck machen, pünktlich zur Arbeitszeit scheinbar total außer Rand und Band, lassen es hörbar knirschen, splittern, krachen, dröhnen und poltern. Ab und zu kommt zum Schall noch etwas Rauch. Erst kurz vor Feierabend werden sie wieder friedlich.

Aber was auf den ersten Blick aussieht wie halbstarke Kraftmeierei, erweist sich auf den zweiten als präzise Detailarbeit mit Sinn und viel Verstand. Dabei erstreckt sich das Wirken des i.f.t. nicht mehr nur auf Fenster, sondern ebenso auf Türen samt Beschlägen, Mehrscheiben-Isolierglas, Rollläden, Vorhangfassaden und leichte Außenwände.

Wenn zum Beispiel überprüft und mit einem entsprechenden Zertifikat bescheinigt werden soll, daß eine einbruchhemmende Tür ihrem Anspruch gerecht wird, dann muß dieser sogenannte Probekörper in ein genormtes Gestell eingespannt und mit einem Druckstempel belastet werden, und zwar mit genau definierter Last in genau definierten Intervallen an genau definierten Punkten – an den Scharnieren, am Schließblech, mitten auf dem Türblatt. Hinzu kommt eine dynamische Prüfung: Ein 30 Kilo schwerer lederner Sandsack, der neben der Tür aufgehängt und seitwärts ausgelenkt wird, simuliert mit seinem Aufprall einen Einbrecher, der sich mit seinen Schultern wuchtig gegen die Tür wirft. Drittens muß die Tür noch einen „praxisnahen Einbruchversuch mit entsprechendem Werkzeug“ über sich ergehen lassen: Dann setzen die Testingenieure alles daran, die Tür mit Brechstange und Kuhfuß aufzustemmen oder aus den Angeln zu heben. Je nachdem, ob und wie lange die Tür das alles mit sich machen läßt, erhält der Hersteller ein Zeugnis, das seinem Produkt die jeweilige Widerstandsklasse zubilligt. Ohne so einen Test dürfte der Türenfabrikant keine entsprechenden Behauptungen aufstellen.

Das i.f.t. bildet einen eingetragenen Verein, der im In- und Ausland rund 500 Mitglieder zählt, überwiegend Hersteller der zu testenden Produkte. Das Ganze trägt sich aus Mitgliedsbeiträgen und dadurch, daß die Prüfprogramme als Dienstleistungen in Rechnung gestellt werden. Im Gegenzug bekommt der Auftraggeber ein garantiert amtliches Ergebnis, denn das i.f.t. ist ein „autorisiertes Prüfinstitut“.

Nicht alle Tage gibt es Aufträge wie jenen aus dem fernen Thailand, bei dem es darum ging, die auf die Fenster eines Hotelhochhauses wirkenden Windkräfte versuchsweise vorwegzunehmen. Ein ähnliches Problem hatten die Ägypter, die vom i.f.t. erfahren wollten, ob die Verglasung des neuen Flughafentowers in Kairo allen Stürmen trotzen werde. Normalerweise kommen Aufträge wie dieser: Ein Fensterhersteller will wissen, ob seine Produkte den Anforderungen des Schallschutzes genügen. Dazu wird das Fenster in eine schalldämmende Wand eingebaut, die zwei Räume voneinander trennt. Im Senderaum machen wattstarke Lautsprecher Krach nach Maß, von dumpfem Grollen bis zu scharfem Quietschen. Im Empfangsraum registriert ein Mikrofon, wieviel Normlärm durch das geschlossene Fenster dringt. Bei Isolierglas interessiert sowohl die Wärmedämmung als auch die Frage, ob dieser Effekt auf die Dauer erhalten bleibt („Zeitstandverhalten“). Eine der dreizehnwöchigen Torturen besteht in dem unablässigen Wechsel zwischen 52 °C über und 15 °C unter Null. Dann wird gewogen, ob das Trocknungsmittel zwischen den Scheiben zugenommen, also eingedrungene Feuchtigkeit aufgesogen hat.

Oben auf dem Dach darf sogar Mutter Natur ein Wörtchen mitreden. Dort sind ein paar dutzend Fensterrahmen Wind und Wetter ausgesetzt. Aber die Testingenieure haben einen viel schöneren Ausdruck dafür: „Freibewitterung“.

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